Warum denken Sattelhersteller (scheinbar) nicht mit?

Gerade in einem Internet-Pferdeforum gelesen:

„Ich lese immer wieder ‚dieser Sattel passt nicht auf kurze Ponyrücken‚, dabei wird er vom Hersteller doch genau dafür beworben; er soll ‚auf jedes Pferd anpassbar und besonders für runde Pferdetypen geeignet‚ sein. Dabei sind diese Sättel offensichtlich lang und schmal und liegen somit auf 95% aller Pferde total unterirdisch.
Aber wo wäre das Problem, den selben Sattel mit mehr Schwung zu produzieren? Das könnte doch nur förderlich für den Absatz sein, wenn man wirklich günstige, passende Sättel anböte? Ist das in der Welt der Pferde einfach so, dass man sich da nicht an die Kundenwünsche anpasst? Warum bieten diese günstigen Hersteller so wenig Modelle an und warum denkt da keiner mit?“

Die Antwort folgte gleich: „Warum sollten diese Hersteller etwas ändern? Viele Reiter glauben, dass dieser Sattel auf jedes Pferd passt. Der Käufer selber muss umdenken, denn wenn der Hersteller Umsatzeinbuße machen muss, wird er umstellen.“

Ein schöner Ansatz, hinter dem viel Wahrheit liegt. Welche Firma stellt ihre Produktion um, wenn sie gut läuft? Eher würde sie ein weiteres Modell auf den Markt bringen und den Umsatz auf diese Weise ankurbeln.

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Die Frage ist, wer macht den ersten Schritt? Der Hersteller wird kaum sagen, seine Sättel seien ungeeignet. Der Sattler/ Händler wird seinen Kunden ungern vor den Kopf stoßen, zumal es für manche Modelle hohe Provisionen gibt. Der ahnungslose Kunde möchte nur Geld sparen und die meist langwierige Sattelsuche schnell beenden.

Nun, ich denke, die Verantwortung liegt bei allen Dreien.

Angefangen bei dem Sattler, der leider bis auf wenige Ausnahmen keine Ahnung von seinem Fach hat. Er kann Sättel bauen und umpolstern, hat aber leider selten das Wissen, wie und wo ein Sattel auf dem Pferd liegen muss. In der Lehre zum Reitsportsattler ist die Anatomie des Pferdes zwar von Bedeutung, wird aber in der Praxis nur oberflächlich oder gar nicht gelehrt. Schon von Anfang an ist das Projekt (und letztendlich die Reiter- und Pferdegesundheit) zum Scheitern verurteilt. Wenn der sich Sattler nach seiner Ausbildung nicht gleich ein hoch qualifiziertes Seminar sucht, wo er die Anatomiekenntnisse nachholen kann, werden so schnell keine gut passenden Sättel verkauft. Aber nehmen wir den Sattler in Schutz: warum nach bestandener Prüfung gleich noch mehr Geld investieren, anstatt endlich mal etwas zu verdienen?
Selbiges gilt auch für den Händler, der oft zugleich Inhaber eines Reitsportgeschäftes ist. Wir verallgemeinern erfahrungsgemäß, dass auch dieser selten über das Wissen vom korrekten Sattel für Pferd und Reiter/in hat. Der Sattelverkauf ist für ihn ein lohnenswerter, oft sehr gut laufender Nebenverdienst. Da bleibt keine fast keine Zeit für teure Weiterbildungen.

Ist eine Firma erfolgreich, wird sie diesen Weg weiter gehen. Der Sattel ist im Hinblick auf größtmöglichen Absatz schon ideal an die Zielgruppe angepasst. Zumal der Prozess, einen neuen Sattel zu entwickeln und auf den Markt zu bringen, sehr arbeits- und kostenintensiv ist. Es müssen Gussformen, Materialien und Maschinen verändert oder neu angeschafft werden, die Testphase benötigt Zeit und das anschließende Marketing ist immens. Dann folgt noch die Zeit, bis das Modell auf dem Markt etabliert ist. Selbst wenn der Hersteller dies auf sich nimmt, was ist mit den noch vorhandenen ‚Altmodellen‘ und den Kunden, die gerade erst einen solchen ‚alten‘ Sattel gekauft haben? Und wer sagt, dass das Neumodell tatsächlich so viel besser ist? Der Hersteller ist schlauer, investiert er lieber weiter ins bereits hoch erfolgreiche Marketing.

Die Geldbörse eines Pferdebesitzers ist schnell belastet. Wird ein Pferd krank, schnellen die Rechnungen oft in den vierstelligen Bereich. Dazu kommen Haltungskosten, Fütterung, Training, Ausrüstung und der Reiter selbst will auch gut gekleidet sein. Da kommt ein günstiger, selbst veränderbarer Sattel verständlicherweise recht. So spart man sich auch noch die Änderungskosten vom Sattler.
Der durchschnittliche Reiter eignet sich in seiner knappen Freizeit kein umfangreiches Sattelwissen an (das sich entsprechend auch auf Hufe, Fütterung, Haltung, etc. ausweiten lässt) und/ oder sieht nicht die Notwendigkeit dafür und hat auch gar nicht das Geld für einen qualitativen Sattel. Werden ihm nun zwei teure Ledersättel neben dem günstigen Kunststoffsattel, der selber anpassbar und gut wiederverkäuflich ist, angeboten, wird er kaum geneigt sein, mehr Geld auszugeben – verständlicherweise. 😉

Es scheint, als gäbe es (noch) keinen (vielversprechenden) Markt für DAS GESUNDE, NEUE SUPERMODELL.

Doch das stimmt nicht. Erste Sattelmarken haben auf die wenigen Stimmen gehört, die nach Änderungen verlangen (besagte Sättel passen eben doch nicht so gut 😉 ). Sie sind das Risiko der Produktumstellung und anfänglich geringen Verkaufszahlen eingegangen – und es läuft erstaunlich gut. Offensichtlich gibt es einen Markt. Offensichtlich gibt es Reiter mit (Ge-)Wissen. Reiter mit Anspruch. Reiter, die sich fortbilden, weil sie Lücken erkannt haben. Weil sie noch immer nicht richtig sitzen können. Weil sich das Pferd noch immer ungern satteln lässt. Weil doch noch irgendwo etwas hakt. Weil sie für sich selbst die Verantwortung übernehmen. Und das ist das Stichwort: Der Kunde bestimmt den Markt. Der Druck muss vom Verbraucher, dem Pferdebesitzer kommen. Er ist, welcher kritisch hinterfragen und nach physiologisch korrekten Sätteln verlangen muss. Je lauter die Stimmen werden, desto eher werden sich Großhändler, Sattlereien und Hersteller den Wünschen des Kunden anpassen.

Hier sind wir auch beim Anfang einer neuen Ära angelangt, die der pferdeschonenden Sättel, die auch Unterschiede zwischen Reiter und Reiterin machen. Sicher, es dauert alles seine Zeit, aber die ersten Pferde erfreuen sich wieder des Reitens. Es besteht Hoffnung. 🙂

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4 Gedanken zu “Warum denken Sattelhersteller (scheinbar) nicht mit?

  1. Anna schreibt:

    Tja, der Bericht mag auf einen Teil der Pferdebesitzer zutreffen. Allerdings gibt es da auch noch die Variante der Pferdebesitzer, welchen von Anbeginn sehr viel an der Gesunderhaltung ihres Pferdes liegt und welche relativ bald zu Beginn der Ausbildung des Pferdes deshalb einen sehr teuren (ca. € 4.000,00) neuen Sattel erwerben, bei welchem umfassende Änderungsmöglichkeiten versprochen werden, sodass der Sattel praktisch mit dem Pferd „mitwachsen“ kann (und dies auch explizit so formuliert wird). Es ist dann umso bedauerlicher für diese Variante der Pferdebesitzer, wenn sich nach nicht einmal 1,5 Jahren herausstellt, dass der angeblich so toll veränderbare Sattel, nun doch nicht mehr passend gemacht werden kann!
    An diesem „Geschäft mit der ‚Dummheit‘ des Pferdebesitzers“ wird sich erst etwas ändern, wenn es mehr Pferdebesitzer gibt, welche auch in diesem Bereich den Mut haben auf die Einhaltung der gesetzlichen Konsumentenschutzbestimmungen (notfals auch gerichtlich) zu bestehen, auch wenn diese Verfahren kostenintensiv (deshalb unbedingt Rechttschutzversicherung mit Vertragsrechtsschutz abschließen) und langwierig sind.

    Ich kann jedem Pferdebesitzer nur empfehlen im Falle eines Sattelkaufes (insbesondere wenn neu und ein paar 1.000 EUR Kaufpreis) sowohl den Zustand des Pferdes als auch die damalige Lage des Sattels auf dem Pferd (eventuell samt Reitvideo) durch viele Fotos zu dokumentieren und nötigenfalls seine rechtlichen Ansprüche wirklich notfalls auch gerichtlich durchzusetzen! Ansonsten wird sich an diesem System nicht das geringste ändern.

  2. Sandra Winkler schreibt:

    Ich sehe das fast ein bisschen anders. Wobei du völlig Recht hast mit fast allem dem Beitrag. Ich wende mich an den Sattler als Experten, als Fachmann und erwarte einen entsprechende Arbeit. Ich lese mir doch selber nicht Wissen an wenn ich mein Auto reparieren will, sondern gehe in eine Werkstatt. Erfolgt keine fachgerechte Arbeit, fordere ich gratis Nachbesserung. Ich verstehe nicht, warum ich das Recht bei einem Sattler nicht habe, vor allem wenn ich einen NEUEN Sattel kaufe (die normalerweise 2000 EUR aufwärts kosten). Ich habe mich schon von Sattlern beschimpfen lassen, weil mein Sattel nach einer Umarbeitung knappe 3 Monate später an allen Ecken und Enden nicht mehr gepasst hat und ich nach einer Gratis-Nacharbeit verlangt habe. Und nein, mein Pferd hat nicht auf wundersame Weise seine Rückenform verändert oder großartig aufgebaut.

    Anders jetzt, mit dem Neusattel. Er hat deutlich aufgemuskelt, dennoch passt der Sattel nicht mehr ideal inzwischen. Ich erwarte von meinem Sattler (ein neuer, der sehr kooperativ ist) eine Lösung, die nicht bedeutet, dass ich wieder 2000 EUR ausgeben muss nach knapp 1,5 Jahren. Ich erwarte, dass ein Sattler, der für jedes Rausfahren und auf den Sattel schauen schon rund 70-80 EUR verlangt (inkl. Fahrtkosten), abschätzen kann inwiefern sich ein Pferd verändern könnte, und wie sehr ein Sattel mitwachsen kann (ein unbemuskeltes Pferd hat mehr Potential für’s Aufbauen als eins, das schon gute Muskeln hat – völlig logisch, oder?). Pferde können sich verändern, aber um das einzuschätzen und mich fachlich beraten zu lassen hole ich einen Fachmann! Ich werde inzwischen im Freundeskreis immer wieder nach Ratschlägen gefragt, und meistens stimmt meine Aussage mit denen des Sattlers überein. Ist es nicht traurig, dass ich als Laie mich so in das Thema einarbeiten muss, weil die so genannten Fachleute es einfach nicht hinkriegen?

    Der Verbraucherschutz ist was das angeht bei Sattlern, Hufschmieden etc. leider sehr, sehr schlecht. Ich würde niemals meinen Sattler verantwortlich machen für mein schlechtes Reiten, aber ich habe an eigenem Leib gespürt wie sehr sich ein Pferd verändern kann mit dem richtigen Sattel. Es hat allerdings 3,5 Jahre gedauert und mich rund 1500 EUR gekostet (zwei Gebrauchtsättel und diverse Anpassungen). Und keiner der Sattler hat den Fehler bei sich und seiner Arbeit gesehen. Und das finde ich den eigentlichen Skandal.

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